Konflikte gehören dazu

photocredits: Jasmin Ziegler

Warum Entwicklung Reibung braucht

Viele Fähigkeiten, die wir uns für unsere Hunde wünschen, entstehen nicht durch permanente Harmonie. Impulskontrolle entsteht nicht dadurch, dass niemals Impulse auftauchen. Gelassenheit entsteht nicht dadurch, dass nie etwas Aufregendes passiert. Und Selbstregulation entwickelt sich nicht, indem wir jede unangenehme Emotion sofort beseitigen. Im Gegenteil!

Entwicklung findet oft genau dort statt, wo ein Hund lernt, eine gewisse Spannung auszuhalten und dabei die Erfahrung macht, dass nichts Schlimmes passiert. Dass ein Wunsch unerfüllt bleiben darf. Dass Frust nicht das Ende der Welt bedeutet. Dass Aufregung wieder abklingt. Und dass es jemanden gibt, der ihn durch solche Momente begleitet.

Genau deshalb sehe ich Konflikte nicht als Beziehungsbruch. Für mich sind sie Entwicklungsmomente. Kleine Gelegenheiten, bei denen ein Hund lernen kann, mit sich selbst, seinen Emotionen und den Grenzen seiner Umwelt umzugehen.

Natürlich bedeutet das nicht, Konflikte absichtlich zu provozieren. Es bedeutet auch nicht, hart oder konfrontativ zu werden. Aber es bedeutet, Spannungen nicht reflexartig aus dem Weg zu räumen, nur weil sie sich unangenehm anfühlen.

Führung heißt Verantwortung übernehmen

Vielleicht ist das einer der Begriffe, über den ich in den letzten Jahren am meisten nachgedacht habe: Führung. Denn Führung wird oft missverstanden. Die einen verbinden damit Kontrolle und Macht. Die anderen lehnen den Begriff komplett ab, weil er ihnen zu autoritär erscheint.

Für mich bedeutet Führung etwas deutlich Unspektakuläreres. Führung bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.

Wenn mein Hund in einer Situation überfordert ist, übernehme ich Verantwortung. Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, übernehme ich Verantwortung. Wenn eine Grenze notwendig ist, übernehme ich Verantwortung. Nicht, weil ich stärker bin. Nicht, weil ich gewinnen möchte. Sondern weil genau das meinem Hund Sicherheit gibt.

Viele Hunde wirken deutlich entspannter, wenn sie nicht jede Situation selbst lösen müssen. Wenn sie sich darauf verlassen können, dass jemand den Überblick behält. Dass Regeln nachvollziehbar sind. Dass Entscheidungen nicht täglich neu verhandelt werden. Und dass ihr Mensch auch dann ruhig bleibt, wenn es kurz unbequem wird.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Aufgabe einer guten Mensch-Hund-Beziehung. Nicht jede Spannung zu vermeiden, sondern gemeinsam durch sie hindurchzugehen.

Denn Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass niemals Konflikte auftreten. Sicherheit entsteht dort, wo eine Beziehung Konflikte aushalten kann, ohne daran zu zerbrechen.


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