
photocredits: Jasmin Ziegler
Der schwerste Teil eines Hundelebens
Wenn wir einen Hund in unser Leben holen, denken wir an gemeinsame Spaziergänge, Abenteuer und viele schöne Momente, die vor uns liegen. Wir denken an die ersten Wochen, an Training, an Ausflüge und daran, wie dieser kleine oder große Vierbeiner langsam seinen Platz in unserem Alltag findet. Worüber wir deutlich seltener nachdenken, ist der Tag, an dem wir vielleicht eine der schwersten Entscheidungen unseres Lebens treffen müssen. Die Entscheidung, unseren Hund gehen zu lassen.
Vor fünf Jahren musste ich genau diese Entscheidung treffen. Für meine Hündin Beba.
Beba kam als Tierschutzhund aus Spanien zu uns. Damals wusste ich über Hunde noch längst nicht so viel wie heute. Ich habe Fehler gemacht und Situationen komplett falsch eingeschätzt. Aber Beba war einer dieser Hunde, die einem alles verzeihen. Sie war vorsichtig, genügsam und immer freundlich. Nie fordernd, nie laut, nie dramatisch. Sie war einfach da. Auf eine ruhige und selbstverständliche Art, die man oft erst dann richtig zu schätzen weiß, wenn sie fehlt. Sie war sich selbst genug, begegnete ihrer Umwelt mit Bedacht und hat mir vermutlich mehr über Hunde beigebracht, als ich ihr jemals hätte beibringen können.
Als die Vergangenheit uns einholte
Was wir damals nicht wussten: Beba hatte eine Mittelmeererkrankung im Gepäck: Leishmaniose. Vor ihrer Einreise wurde sie getestet und das Ergebnis war negativ. Nach ihrer Ankunft in Deutschland wurde erneut getestet – wieder negativ. Für uns war das Thema damit erledigt. Sieben Jahre lang lebte Beba ein ganz normales Hundeleben. Sie wanderte mit uns durch die Berge, begleitete uns durch den Alltag und war einfach unser Hund. Bis die Krankheit plötzlich ausbrach.
Das Heimtückische an Leishmaniose ist, dass sie oft viele Jahre unbemerkt bleiben kann. Hunde können völlig symptomfrei leben, während die Erkrankung im Verborgenen bereits ihren Weg geht. Als wir bemerkten, dass etwas nicht stimmte, waren in Bebas Fall bereits die Nieren betroffen. Von einem Tag auf den anderen veränderte sich unser Alltag: Tierarztbesuche, Blutwerte, Medikamente, Hoffnungen und Rückschläge wurden Teil unseres Lebens.
Es folgten zwei Jahre, in denen wir immer wieder um ihre Lebensqualität kämpften. Zwei Jahre voller Sorgen, aber auch voller schöner Momente. Denn bei aller Krankheit gab es sie weiterhin: die Wanderungen, die guten Tage, die gemeinsamen Stunden und diese kleinen Augenblicke, in denen man fast vergaß, wie ernst die Situation eigentlich war. Deshalb werde ich niemals sagen, dass sich diese Zeit nicht gelohnt hat. Im Gegenteil. Diese zwei Jahre waren ein Geschenk. Sie haben uns zusätzliche Erinnerungen geschenkt, zusätzliche Berggipfel, zusätzliche Sonnenaufgänge und zusätzliche Zeit miteinander.
Irgendwann kam jedoch der Moment, an dem wir merkten, dass unsere gemeinsame Reise sich dem Ende näherte. Es gab keinen dramatischen Wendepunkt, keine große Szene. Es war vielmehr ein stilles Verstehen. Wer einen Hund viele Jahre begleitet, lernt irgendwann, ihn zu lesen. Und manchmal sagt ein Hund mehr, ohne auch nur ein Geräusch von sich zu geben.
Die letzte Verantwortung
Mein Mann und ich hatten uns immer wieder Gedanken darüber gemacht, wie dieser Tag aussehen sollte. Wir wussten, dass wir Beba niemals unnötig leiden lassen wollten. Wir wussten, dass wir Verantwortung übernehmen würden, wenn der Zeitpunkt gekommen war. Und trotzdem kann einen nichts wirklich auf diese Entscheidung vorbereiten.
Beba durfte zuhause gehen. In ihrer vertrauten Umgebung. Ohne Hektik, ohne Praxisstress, ohne fremde Gerüche. Sie war dort, wo sie hingehörte. Bei uns. Es war friedlich. Und gleichzeitig einer der schwersten Tage unseres Lebens.
Manchmal werde ich gefragt, woran man erkennt, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Die ehrliche Antwort lautet: Es gibt selten absolute Gewissheit. Es gibt keine perfekte Formel und keinen magischen Moment, der alle Zweifel verschwinden lässt. Was es gibt, ist Verantwortung. Und manchmal bedeutet Liebe nicht, noch länger festzuhalten. Manchmal bedeutet Liebe, loszulassen.
Wer sich für einen Hund entscheidet, übernimmt Verantwortung für sein gesamtes Leben. Für die schönen Tage genauso wie für die schwierigen. Für Erziehung, Krankheit, Pflege und Fürsorge. Und irgendwann vielleicht auch für den Abschied. Das gehört zu einem Hundeleben dazu, auch wenn wir diesen Gedanken am liebsten verdrängen würden.
Heute, fünf Jahre später, kämpfe ich immer noch mit den Tränen, wenn ich über Beba spreche. Nicht, weil ich die Entscheidung bereue, sondern weil sie mir fehlt. Und gleichzeitig bin ich unendlich dankbar: für den gemeinsamen Weg, für ihre Geduld, ihre Sanftheit und ihre Stärke. Dankbar für alles, was sie mich über Hunde gelehrt hat – und über Verantwortung, Liebe und Loslassen.
Wenn du einen Hund aus dem Tierschutz adoptierst, informiere dich frühzeitig über mögliche Mittelmeerkrankheiten wie Leishmaniose. Ein negativer Test direkt nach der Einreise bedeutet leider nicht immer, dass eine Erkrankung dauerhaft ausgeschlossen werden kann.