
photocredits: Jasmin Ziegler
Stell dir vor, dein Hund führt eine imaginäre Strichliste…
Nicht auf Papier natürlich – aber irgendwo in seiner Walnussbirne existiert sie ganz bestimmt. Links steht dein Name. Rechts der deines Hundes. Und jedes Mal, wenn im Alltag eine Entscheidung getroffen werden muss, bekommt jemand einen Strich.
Klingt erstmal lustig. Ist aber tatsächlich ziemlich wichtig für euer Zusammenleben, denn viele Hunde sammeln im Alltag viel zu viele Striche auf ihrer eigenen Seite der Liste. Nicht, weil sie „dominant“ sind oder die Weltherrschaft übernehmen wollen, sondern weil sie irgendwann das Gefühl bekommen, dass sie die Verantwortung selbst tragen müssen.
Und ganz ehrlich: Die meisten Hunde sind gar nicht scharf auf diesen Job.
Zu viele Entscheidungen machen Stress
Wir Menschen vergessen oft, wie anstrengend Verantwortung eigentlich ist: immer aufmerksam sein, alles beobachten, Situationen einschätzen, reagieren, kontrollieren – das macht auf Dauer müde. Nicht nur uns, sondern auch unsere Hunde. Wenn ein Hund ständig das Gefühl hat, er muss alles selbst regeln, zum Beispiel:
- ob Gefahr droht,
- wer besser auf Abstand bleiben sollte
- ob eine Situation sicher ist
- ob der andere Hund nett oder eben nicht nett ist
- ob Frauchen oder Herrchen gerade überhaupt den Überblick haben…
dann bleibt sein Nervensystem dauerhaft auf Empfang!
Viele Hunde wirken dann „überdreht“, schnell gereizt oder ständig angespannt. Manche fangen an zu kontrollieren, andere reagieren laut, manche ziehen Entscheidungen einfach komplett an sich. Nicht aus Machtgehabe, sondern weil irgendwo das Gefühl entstanden ist: „Okay, wenn hier keiner Verantwortung übernimmt, dann eben ich.“ Und das macht sich oft genau in den typischen Alltagsthemen bemerkbar:
Leinenpöbeln, ständiges Beobachten, Unsicherheit draußen, Überreaktionen bei Begegnungen oder ein permanentes Kontrollieren von allem und jedem.
Verantwortung bedeutet Sicherheit
In der Hundewelt geht es unglaublich viel um Klarheit und Verantwortlichkeiten. Nicht im Sinne von Drill oder harter Führung, sondern im Sinne von: Wer kümmert sich eigentlich worum?
Ein entspannter Hund muss nicht alles selbst entscheiden. Er darf sich orientieren. Er darf Verantwortung abgeben. Genau das schafft oft erst echte Ruhe.
Dabei geht es nicht darum, dem Hund jede Kleinigkeit abzunehmen. Er darf selbstverständlich schnüffeln, entdecken, Bedürfnisse äußern und eigene Ideen haben. Es geht nicht um Kontrolle bis ins letzte Detail. Aber die großen Entscheidungen sollten bei uns liegen!
Vielleicht braucht dein Hund nicht mehr Training, sondern weniger Verantwortung!
Manchmal versuchen wir, Verhalten mit noch mehr Kommandos, Korrekturen oder Beschäftigung zu lösen, obwohl der Hund eigentlich etwas ganz anderes braucht: Entlastung: Weniger selbst regeln müssen. Weniger Verantwortung tragen. Weniger das Gefühl haben, ständig auf alles reagieren zu müssen.
Vielleicht lohnt es sich also, im Alltag mal auf diese imaginäre Strichliste zu schauen und sich ehrlich zu fragen: Wie viele Entscheidungen trägt mein Hund eigentlich jeden Tag? Unsere Seite der Strichliste sollte dabei immer ein bisschen voller sein als die unseres Hundes – nicht aus Kontrolle, sondern weil genau darin Entlastung, Orientierung und echte Sicherheit für ihn entstehen. Denn manchmal beginnt echte Entspannung genau dort, wo unser Hund merkt: „Cool. Das muss ich gar nicht alleine regeln.“