
photocredits: Jasmin Ziegler
Muss wirklich immer noch mehr Auslastung her?
Es gibt Sätze, die höre ich im Hundetraining so häufig, dass ich manchmal schon ahne, was als Nächstes kommt: „Der ist eigentlich total lieb, aber er kommt einfach nicht zur Ruhe.“ Und fast genauso häufig folgt direkt die Vermutung hinterher: „Vielleicht ist er einfach nicht genug ausgelastet?“
Ehrlich gesagt finde ich diesen Gedanken ziemlich nachvollziehbar. Schließlich leben wir in einer Welt, in der auf nahezu jedes Problem erst einmal mit „mehr“ reagiert wird. Mehr Bewegung, mehr Beschäftigung, mehr Training, mehr Input. Wenn der Hund unruhig wirkt, bekommt er einen längeren Spaziergang. Wenn das nicht reicht, vielleicht ein Suchspiel. Dann noch ein bisschen Nasenarbeit. Vielleicht Hundesport. Irgendetwas wird schon helfen. Und manchmal tut es das sogar. Meistens sitzt das Problem aber auch ganz woanders!
Ich erlebe immer wieder Hunde, die einen Kalender haben, von dem ich persönlich vermutlich nach drei Tagen erschöpft wäre. Sie gehen spazieren, treffen Artgenossen, fahren mit ins Café, begleiten ihre Menschen in den Urlaub, lernen neue Tricks, besuchen Kurse und sammeln täglich neue Eindrücke. Das alles ist gut gemeint und oft auch schön. Trotzdem stehen genau diese Hunde oft dauerhaft unter Strom.
Sie schlafen zwar, aber sie entspannen nicht wirklich, denn sie haben ein Ohr im Flur, eins an der Wohnungstür und ein Drittes irgendwo bei den Nachbarn im Treppenhaus!
Zwischen Wachsamkeit und Verantwortung
Wenn ich genauer hinschaue, fällt mir bei vielen dieser Hunde etwas auf: Sie scheinen permanent zuständig zu sein: für jedes Geräusch vor der Haustür, für Besucher und für Bewegungen vor dem Fenster. Zuständig für den Hund auf der anderen Straßenseite….einfach zuständig für alles, was sich verändert, bewegt oder verdächtig aussieht. Und ganz ehrlich: Das ist anstrengend!
Manchmal frage ich mich, ob wir Menschen überhaupt merken, wie viel Verantwortung manche Hunde im Alltag übernehmen. Nicht weil wir ihnen diese Aufgabe bewusst übertragen hätten, sondern weil sie irgendwann beschlossen haben, dass offenbar niemand sonst den Laden im Blick behält.
Während wir gemütlich auf dem Sofa sitzen und durch unser Handy scrollen, führt der Hund möglicherweise bereits die dritte Sicherheitskontrolle des Abends durch. Kein Wunder also, dass es manchen schwerfällt, abzuschalten.
Ruhe ist nicht das Gegenteil von Aktivität
Was mir im Training immer wieder begegnet, ist die Vorstellung, Ruhe entstehe automatisch, wenn ein Hund nur müde genug ist. Das klingt zunächst logisch – wer viel macht, wird irgendwann erschöpft und schläft. Das Problem dabei: Erschöpfung ist nicht dasselbe wie Entspannung!
Jeder Mensch kennt vermutlich diese Tage, an denen man todmüde ins Bett fällt und trotzdem nicht wirklich herunterkommt. Der Körper ist müde, der Kopf aber noch lange nicht. Bei Hunden kann das ganz ähnlich aussehen.
Ein Hund, der ständig unter Strom steht, wird nicht automatisch gelassener, nur weil wir noch mehr Programm in seinen Tag packen. Manchmal passiert sogar das Gegenteil. Je mehr los ist, desto schwerer fällt es ihm, wieder herunterzufahren.
Deshalb interessiert mich im Training oft weniger die Frage, was ein Hund alles macht. Mich interessiert vielmehr, ob er gelernt hat, nichts zu machen.
Und erstaunlicherweise ist genau das für viele Hunde die deutlich schwierigere Übung.
Die Kunst, einfach mal nichts zu tun
Vielleicht ist das einer der unspektakulärsten Aspekte im Hundetraining. Er verkauft sich zumindest deutlich schlechter als spektakuläre Vorher-Nachher-Geschichten oder die fünf besten Tipps für entspannte Hundebegegnungen.
Aber ich glaube tatsächlich, dass viele Hunde davon profitieren würden, wenn wir dem Nichtstun wieder etwas mehr Bedeutung geben. Nicht als Trainingsmethode. Nicht als neues Projekt. Nicht als weitere Aufgabe auf der To-do-Liste. Sondern einfach als Zustand!
Ein Spaziergang muss nicht immer ein Abenteuer sein. Ein Nachmittag muss nicht vollständig verplant werden. Und ein Hund muss nicht jede Minute seines Lebens produktiv nutzen. Manchmal besteht echte Auslastung vielleicht sogar darin, sich sicher genug zu fühlen, um einfach loszulassen. Und genau dort beginnt für mich Ruhe. Nicht beim nächsten Beschäftigungsspiel. Nicht beim nächsten Trainingsplan. Sondern in dem Moment, in dem ein Hund merkt, dass er gerade nichts regeln, nichts beobachten und nichts leisten muss. Einfach nur Hund sein reicht manchmal völlig aus.